SPIEL Anja Tobler Markus Gerber Stefan Graf Mathis Künzler Hans Jürg Müller
TEXTFASSUNG Anja Host Jonas Knecht
REGIE Jonas Knecht | DRAMATURGIE Anja Horst
MUSIK Peter Nussbaumer Damian Zangger
BÜHNE Gian Rico Wirz | KOSTÜME Florian Holdener
PRODUKTIONSLEITUNG / ÖA Cristina Achermann, Brigitte Schmid
BAUTEN Heini Baumgartner
TECHNISCHE EINRICHTUNG Rüdiger Koch
PREMIERE der Wiederaufnahme und Neubesetzung war am 30.01.2007 in der Grabenhalle St.Gallen.
PREMIERE der ersten Fassung war am 23.April 2005 in der Grabenhalle St.Gallen in der Besetzung: Isabelle Rechsteiner, Lukas Ammann, Stefan Graf, Hans Jürg Müller, Adrian Riklin
DANKE FÜR DIE UNTERSTÜTZUNG Buchhandlung zur Rose St.Gallen, Stadt St.Gallen, Kulturförderung Kanton St.Gallen, Theater an der Sihl Zürich, Sophie und Karl Binding Stiftung, Verena und Walter Spühl Stiftung, Metrohm Stiftung, Interpreten Stiftung, Migros Ostschweiz, Pro Helvetia – Schweizer Kulturstiftung, Arnold Billwiller Stiftung, Raiffeisen Bank
Quatemberkinder sind anders. Sie leben inmitten der Menschen und doch in einer anderen Welt. Ihnen sind Geister und Hexli und Schrättli so selbstverständlich wie anderen das Nachtgebet.
Quatemberkinder, eine alpine Odyssee, eine Liebesgeschichte voller Hindernisse, eine Erzählung über den steinigen Weg des Erwachsenwerdens, eine üppige Sage aus den Schweizer Alpen.
Für einen gelungenen Theaterabend braucht es zwei Dinge: ein erstaunliches Stück Literatur und gute Ideen. [...] Die freie Gruppe Theater Konstellationen macht in der Regie von Jonas Knecht über weite Strecken das einzig Richtige. Sie erzählt nach, in der Sprache Tim Krohns. Und sie bebildert nicht quasi-realistisch, sondern zeigt Eigenständiges, arbeitet mit unserer Fantasie. So sind die Kirchenbänke aus Stroh und das Tunscheli ebenfalls, da klingt das Ave Maria melodisch, ganz ähnlich wie der Jodler danach. Und eine ganze, heimtückische Dorfgemeinschaft steigt aus dem Brummen dreier Münder. [...]
Der Autor Tim Krohn zur St. Galler Theaterinszenierung seines Romans «Quatemberkinder»
[...] Der in Berlin lebende St. Galler Regisseur Jonas Knecht, Absolvent der Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch», hat gemeinsam mit der früher am Theater St.Gallen tätigen Dramaturgin Anja Horst eine Bühnenfassung erarbeitet. Eine Woche vor der Premiere sitzt der Autor Tim Krohn im Proberaum. [...]
[...] Krohns dichte Erzählung auf die Bühne zu bringen, ist kein leichtes Unterfangen. Einzelne Szenen, wie etwa die mit dem Tunscheli, dem lebendig gewordenen Weib für die Sennen, könnten in der Fantasie der Leser durchaus mannigfaltig bebildert werden. Auf der Bühne bestehe jedoch die Gefahr, dass es verabscheuungswürdig oder aber flach dargestellt werde. Jonas Knecht schlage hier einen guten Weg ein, der Text erhalte eine starke Musikalität, sagt Tim Krohn. Die dem Roman zu Grunde liegende historische Relevanz vom Aufbruch in ein neues Zeitalter, zu neuen Werten könne nicht auf die Bühne übertragen, sondern lediglich in Ansätzen über die Figuren transportiert werden. [...]
Für die Bühnenfassung von «Quatemberkinder» mussten Jonas Knecht (Regie) und Anja Horst (Dramaturgie) einen Weg finden, diese eigenartige Textgestalt zu bewahren und sie doch als Kunstsprache zu behandeln. Ihr Weg ist eine Art Erzähltheater: Passagen aus dem Roman werden wörtlich gesprochen, am Bühnenrand, von einer gerade nicht handelnden Person – da wird solo in die Ruhe hinein rezitiert, manchmal spielen derweil die anderen auch weiter. Das geht so weit, dass zwei stumm beieinander sitzen, während ein Dritter ihren Dialog in der indirekten Rede spricht. Eine derartige Form der Dramatisierung erlaubt, nah am Ausgangstext zu bleiben [...] und sie ermöglicht bruchlose Übergänge von Mundart zu Schriftsprache.
Statt auf viel Technik setzt die Produktion auf ein raffiniert einfaches Bühnenbild (Rico Wirz). Im weissen Guckkasten liegen nur Strohballen. Sie sind einmal Kirchenbänke, dann werden sie aufgetürmt zu Gipfeln, oder sie sind die Kühe und Geissen. Die Milch der Lisä trinkt das Tunscheli aus einem Hahnen in der Wand, als die Kuh leergetrunken stirbt, löst sich der feste Ballen in einen Haufen Stroh auf, der weggewischt werden kann. [...] Lukas Amman spielt von Anfang bis Schluss den Melk, ein Stiller erst, dem alles zustösst, erst spät findet er Sprache und narrt den Teufel. Alle anderen wechseln von Rolle zu Rolle, nahtlos und doch stets eindeutig – die Leuchtschrift an der Rückwand hilft nach. Das Ensemble spielt seine unterschiedlichen Charaktere aus: Hansjürg Müller autoritär bis dämonisch, Stefan Graf mit bubenhaftem Schalk, Adrian Riklin der Episch-Bedächtige, und Isabelle Rechsteiner gibt die Quirlige, ist immer in Bewegung. Die Produktion schöpft zudem aus der Musik. Peter Nussbaumer spielt alles: Lawine, Weihnachtslieder, Naturjodel... Er bereitet Spannung vor, hält den Faden über die ruhigen Passagen. [...] So stimmig die Produktion in sich, so wenig ersetzt sie doch die Lektüre.
Melchior, genannt der Melk, ist ein Waisenkind in den Glarner Alpen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, in den ersten Jahren nach der Schweizer Staatsgründung. Die Gegend ist bereits hochindustrialisiert, dieselben Menschen, die sommers hoch im Gebirge das Vieh hüten und schon die nächste Alp als Ausland betrachten, stellen im Winter in den Fabriken Stoffe für Asien und Afrika her. In dieser Welt wächst der Melk auf, ist Viehhüter auf der Dräckloch Alp und muss sich gegen derbe und gewalttätige Sennen durchsetzen. Und da der Melk ein Quatemberkind ist, gehören zu seinem natürlichem Umgang auch Wassernixen, Totenseelen in Geissengestalt und schliesslich der Teufel selbst. Der Melk ist noch nicht lange Kuhhirt, als er sich in das Vreneli verliebt, ein mit Zauberkräften begabtes Mädchen, das ihn ab und zu auf der Alp besucht, sich für ihn in ein Füchslein verwandelt und ihn erstmals in seinem Leben dazu bringt, sich einem Befehl der Sennen zu widersetzen und die zugrunde gerichtete Alp zu verlassen. Den Winter verbringt der Melk bei seinem Vormund, dem Doktor Tuet. Doch der Melk wird immer widerspenstiger, er spürt eine Kraft in sich, die er nicht kontrollieren kann, und wird im Frühling auf die nächste Alp geschickt. Sein neuer Senn, der Stüssi, ein im Dorf angefeindeter Sozialdemokrat, nimmt ihn hart, aber gerecht in die Mangel, und unter seiner Leitung lernt der Melk nicht nur das Käsen, die Viehhaltung und soziales Denken, sondern auch das Zaubern. Er richtet damit viel Unheil an, aber endlich sieht es doch so aus, als könne er an Vrenelis Seite ein eigenes Leben zu beginnen. Da begegnet er in einem vornehmen Kurort im Tal einer russischen Popentochter und verliebt sich besinnungslos. Für eine einzige Nacht lässt er die ihm anvertrauten Kühe im Stich. Als er auf die Alp zurückkehrt, stellt er fest, dass in jener Nacht drei Jahre verstrichen sind, die Alp ist verwahrlost und das Vreneli ist für tot erklärt, nachdem es auf der Suche nach dem Melk auf einem Gletscher eingeschneit wurde. Der Melk sucht einen Sommer lang die Gletscher nach dem Vreneli ab. Dann erscheint es ihm im Schlaf und bittet ihn, das Tal zu verlassen. Am anderen Morgen hat er sein bisheriges Leben vergessen. Er begibt sich auf Wanderschaft, doch er bleibt unglücklich und weiss nicht weshalb, er irrt als Handlanger und Tagedieb durch die Schweiz, bändelt mit Hexen an, paktiert mit dem Teufel und wird mit dessen Hilfe Wunderdoktor. Endlich entscheidet er sich, seinem Leben eine Wende zu geben. Er verzichtet auf sein bequemes Leben, überlistet den Teufel, sagt sich von ihm los und legt sich in den Schnee, um zu sterben. Doch die Totenseele eines mailändischen Fräuleins weckt ihn auf, führt ihn über die Berge nach Venedig und schenkt ihm sein Gedächtnis wieder. Melk trifft einen Freund seines früheren Sennen Stüssi, der ihm verspricht, ihm ein Zuhause zu geben. Am anderen Morgen findet der Melk sich auf einem Berg wieder, hoch über seinem Heimatdorf. Die Nacht bricht herein, ohne dass er sich überwinden könnte, hinabzusteigen, und selbst, als das Dorf abbrennt, sieht er nur regungslos zu. Im Morgengrauen liegen die Häuser in Asche, als das Vreneli aufgeregt und fröhlich zu ihm kommt. Es war all die Jahre im Schnee festgefroren, doch der Dorfbrand hat die Gletscher aufgetaut, und es konnte sich befreien. Sie finden zueinander.
Für die Inszenierung haben Anja Horst und Jonas Knecht eine eigene Theaterfassung erstellt, die auf dem Roman "Quatemberkinder" von Tim Krohn basiert.
Unzählige helvetische Sagenmotive lassen die Geschichte Krohns in einem urtypischen schweizerischen Umfeld spielen. Tim Krohn hat damit eine Liebesgeschichte aus der Alpenwelt geschaffen, die weder kitschig, folkloristisch daherkommt, noch ist sie eine Karikatur auf die sogenannte „heile Welt der Alpen“.
Ausschlaggebend hierfür ist der von ihm geschaffene Kunstdialekt. Durch diese besondere Sprache werden die archaischen Themen der Schweizer Sagen und Mythen auf eine artifizielle, moderne Ebene gebracht, die fern schnulziger Heimatromane liegt.
Um die Wirkung dieser Sprache zu erhalten, wurde für diese Inszenierung eine überwiegend epische Theaterform gewählt.
Quatemberkinder hören, sehen und wissen mehr als andere – sie leben in einer Welt der Mythen und Sagen, jedoch mitten unter den "normalen" Menschen. Der Teufel, Hexen und andere Sagengestalten machen den Quatemberkindern das Leben schwer – eröffnen Ihnen aber gleichzeitig einen unglaublich poetischen und weiten Blick auf sich und ihre Umwelt.
Im Zentrum der Inszenierung steht die Suche des Melk nach seiner Identität und seinen eigenen Wurzeln. Der Zuschauer begleitet den Protagonisten auf seiner alpinaren Odyssee. Auf dieser Irrreise begegnen ihm die merkwürdigsten Gestalten aus der Sagen- und Mythenwelt der Alpen und bringen ihn durcheinander. Dennoch gelingt es ihm, in diesem verwirrend verführenden Umfeld eigene Ziele und Sehnsüchte zu realisieren. So findet er nicht nur sein "Zuhause", sondern auch seine grosse Liebe.
In dieser Inszenierung wird bewusst die uralte Tradition des Geschichtenerzählens in den Vordergrund gestellt. Das Team setzt sich dabei zum Ziel, den Zuschauer mit einfachsten Mitteln zu erreichen, um die Konzentration ganz auf die inhaltliche Fülle dieser Erzählung zu lenken. Folgerichtig wird die Inszenierung in einen reduzierten abstrakten Bühnenraum gesetzt, der die Handlung nicht erdrückend bebildern wird, sondern dem Zuschauer lediglich Impulse liefert, eigene Fantasien weiterzuspinnen: Einen nackten Raum mit unzähligen Strohballen – mehr braucht es nicht, dem Zuschauer eine Kuhherde, eine blühende Alpenwiese oder den Innenraum einer kleinen Dorfkirche zu visualisieren. Fünf Darsteller und ein Musiker werden diesen kargen Raum vereinnahmen. Fünf Erzähler, die mit immer neuen Mitteln, die Aufmerksamkeit des Publikums einfordern. Dabei haben die Erzähler die Freiheit, in Figuren zu schlüpfen und sie sogleich wieder zu verlassen. Sie können kommentieren, beobachten, eingreifen, hinterfragen. Hieraus ergibt sich eine facettenreiche lustvolle Spielweise.
Der Musiker fungiert mit seinen Mitteln in ähnlicher Weise wie die Erzähler. Auch er hat die Möglichkeit in die Handlung einzugreifen und diese voranzutreiben. A‘ capella Chöre, Volkslieder, Chansons und klassisches Repertoire greifen die emotionale Tiefe der Vorlage auf und verleihen ihr Sinnlichkeit.
Schlichte heutige Grundkostüme, wie zum Beispiel Overalls, bei denen nur die Wahl der Materialien an die Alpenwelt erinnert, ermöglichen rasante Rollenwechsel mit minimalsten Veränderungen. Die abstrakte Bühne, der moderne Spielstil und die reduzierten Kostüme stehen im krassen Kontrast zum historisch volkstümlichen Stoff und erzeugen so ein Spannungsfeld, indem auch Ironie und Komik ihren Platz finden.