SPIEL (in unterschiedlicher Besetzung) Patricia Christmann, Juliane Strittmatter, Ulrike Schuster, Lutz Großmann, Jonas Knecht, Lorenz Seib
REGIE Markus Joss
MUSIK Peter Nussbaumer
PUPPENBAU Patricia Christmann, Lutz Großmann, Markus Joss
BÜHNE Ensemble
KOSTÜME Juliane Strittmatter
Uraufführung am 27. Oktober 2001 im FigurenTheater St. Gallen
Die Inszenierung wurde mit grossem Erfolg über 5 Jahre lang im In- und Ausland gezeigt - u.a. an folgenden Theatern: Theater an der Parkaue Berlin, Festival Hundstage des Thalia Theaters Halle, Theater am Gleis Winterthur, Theatersaal Rigiblick Zürich, Festival neuropolis Berlin, Maxim Gorki Theater Berlin, Puppentheater Magdeburg, Theater Junge Generation Dresden, Münchner Volkstheater, Figura Festival Baden.
Das Stück war nominiert für die Figurentheaterfestivals in Byalistok Polen, Figura in Baden (Schweiz) und das International Festival of Youth Theatre in Taschkent Uzbekistan.
Preis der Jury und Publikumspreis beim Festival neuropolis Berlin 2002.
Mit Puppen, Schauspiel, Musik und viel echter Alpenliebe - nach dem berühmten Kinderbuchroman von Johanna Spyri. In seiner Bearbeitung für Erwachsene setzt das theater konstellationen auf einen frechen Umgang mit dem Mythos Heidi und auf viel Respekt vor der Geschichte dieses geschundenen Kindes.
In einem kargen Bühnenraum erzählen, spielen und kommentieren die vier Schauspieler und ein Musiker die Geschichte Heidis, lassen auch mal die Puppen selbst sprechen oder geben säuselnd Auskunft über die Befindlichkeiten der Puppenseele.
Wenn's Schneehöppli auf der Alm... Es gibt literarische Gestalten, die möchte man permanent demontieren. Weil sie sich so unendlich fern aller Erfahrungen bewegen, Gutsein zum Postulat machen, Schicksale versimpeln. Die 1880 von der Schweizer Autorin Johanna Spyri in die Welt beförderte "Heidi" scheint solch ein Wesen zu sein, ist zum Synonym geworden für berghimmeljauchzende Heimatkunst. Doch das in mehr als 50 Millionen Exemplaren erschienene Buch, das bereits von Zeitgenossen widersprüchlich aufgenommen wurde, hält versteckte Qualitäten bereit, die nur entdeckt werden wollen. Markus Joss, Urschweizer und seit Spielzeitbeginn Puppentheaterchef am Theater Junge Generation in Dresden, hat vor fünf Jahren in St. Gallen die "Heidi"-Geschichte eigenwillig fürs Puppenspiel eingerichtet, und Darsteller, Musiker und Figuren tourten damit erfolgreich durch die Schweiz, Deutschland und Polen. Seit dem Wochenende ist das Stück nun auch in Dresden angelandet, quasi als Abendvorstellung im Repertoire sowie als Koproduktion mit dem freien theater konstellationen St.Gallen/Berlin. Und es hält seinen speziellen eidgenössischen Charme für herangereifte Fans bereit oder für jene, die es noch werden wollen. Auffällig ist, dass Joss "das Heidi" als Figur nicht dem blanken Spaß aufopfert, sondern sehr genau auf die Geschichte schaut. So darf er auch bedingungslos behaupten, dieses sei gänzlich unverfälscht "Heidi, das Original". Wobei sich schon bald Irritationen ergeben dürften, wenn das erwartet herzig kleine Ding mit Blondzöpfchen wie ein Puppengeist im verstaubten Kleidchen erscheint. Von der Base Dete abgeschoben zum kauzigen Großvater, verbannt auf die Berge in kernig frische Natur-Theaterluft, dem Geißenpeter als Hütemädchen zugesellt. Man zweifelt nicht, am richtigen Ort zu sein, so innig singt und klingt es doch nur im Switzerland. Und als Heidi wider Willen ins herzlos-kinderfeindliche Frankfurter Stresemannhaus als Gespielin der kranken Klara expediert wird, Sturm läuft gegen die Wand und verzweifelt einen Fluchtweg sucht, schluchzen alle im kleinen Saal vom Rundkino... Naja, wahrscheinlich doch eher nicht. Es soll ja derzeit viele Theaterbesucher mit verschnupften Nasen geben. Joss jedenfalls findet verblüffende Lösungen, um die Alpenwelt zu assoziieren, schickt sämtliche Darsteller derart fantasievoll auf die Alm, dass wir den Absturz des Schneehöppli als Live-Übertragung der Rettungstat von Heidi erleben, mit hüpfenden Herzen den orgiastisch juchzenden Kindern hinterher springen, zutiefst mit der verlassenen, blinden Geißenpeteroma mitfühlen. Alle Mitspieler, sofern sie sich nicht bereits zu Beginn aufgereiht zum a-cappella-Gesang auf die Bühne geschoben haben, werden aus vier schwarzen Kisten hervorgezaubert, sind melancholisch dreinschauende Lichtgestalten, heben im Bedarfsfall auch ohne Teppich vom Spielpodest ab. Und besagte Großmutter freut sich sehr über das Heidi, wehrt sich verzweifelt dagegen, ins Dunkle abgeklappt zu werden. Das sind wahrhaft tragische Momente, und die Assoziation zur Alten-Verwahrstätte bleibt da nicht aus. Erstaunlich ist, wie sprechend das Antlitz der Puppen sein kann, auch, wenn sie keinerlei Miene verziehen. Längst beweist sich als Joss-Markenzeichen die Art, wie vielseitig die Darsteller gefordert sind, mit Stimme, Körper sowie Puppenführung, und auch die Ausstattung ist oft eine Gemeinschaftsarbeit. Der Musiker Jörg Kandl sowie vier tolle Spieler agieren auf der Bühne: Lorenz Seib, Ulrike Schuster, Juliane Strittmatter und Jonas Knecht. Die beiden Letztgenannten sind mit der Inszenierung von Anfang an vertraut, gastieren jetzt in Dresden. Dass zur Premiere speziell die Stresemannsche Trostlosigkeit in der Spannung ein Stück weit ins Frankfurter Tal abrutscht, liegt wohl kaum an den Ideen, mehr daran, dass die Spielweise höchst intensiv und mit rasanten Wechseln gespickt ist. Also extrem herausfordernde anderthalb Stunden fürs Ensemble, und eine vergnüglich-anregende Vorstellung fürs Publikum. Das sich getrost auf Puppentheater dieser Qualität einlassen kann und soll.
Schon wieder Heidi. Das arme Kind. Muss erneut herhalten für allerlei Schweizer Sehnsüchte. Diesmal gar «Heidi, das Original.» Wie originell! Doch es geschieht Wunderliches. Vier gleichförmige Truhen. Schwarz und streng in einer Reihe stehend: Schatztruhen. Wunderkisten. Felsen. Berg-matten. Hausmauern. Puppenhäuser. Anfänglich als unverrückbarer Klotz gegen die Ebene hin. Dahinter die schwarz Ge-wandeten. Zwei Frauen, drei Männer geben ihren Einstand mit dem «jodel». Jodel, jodel, schräg und doch kehlig gurgelnd, als ob es vom Bergseeli ins Tal hinunter echoen sollte. Die Dörfler jedenfalls sind aufgewacht. Sie sehen, wie das Mädchen von seiner Tante Dete Richtung Alp gezogen wird. Hinauf zum Alm Öhi, mit dem keiner etwas zu tun haben will, «als fürchtete man sich, gegen ihn zu sein». Heidi, das arme Tröpfli, soll zu diesem Bastard, zu diesem Haudegen, wenn das nur gut geht. Aber das Kind ist ganz zufrieden. Es findet die Alpweiden, die Blumen, die Geissen «total schön». Dem Geissenpeter stellt es sich vor als «Heidi, das Original» und Peter, der kein Theater machen will, antwortet: «So, so, dann bin ich wohl der Geissenpeter.»
Unbequemes Kind
Heidi, mit seinem übergrossen Glatzkopf und dem weissen Kleidchen, wirkt verletzlich und renitent zugleich. Wie es dort am jetzt verschobenen Truhen-Felsrand steht und der Geiss «Schneehöpeli» nach will. Einem Embryo gleich dem Geheimnis Welt entgegen atmet. Ein, aus. Bereits wissend, dass die Felsen steil und glitschig, die Hausmauern hart und undurchdringlich sein werden wie die Herzen mancher Menschen. Fräulein Rottenmeiers Herz. Die hat nicht mal Verständnis dafür, dass Heidi Brötchen sammelt für Peters blinde Grossmutter. Weg mit dem harten Zeug. Erziehen muss man die Adelheid, ihr die Leidenschaft austreiben, wenn nötig im Keller. Heidi rennt mit dem Kopf gegen die Wand und Klara, das noch blassere, gläsern wirkende Geschöpf, liest das Leben nur in Büchern.
Keine heile Welt
Das Freie Theater «Konstellationen» siedelt den Stoff von Johanna Spyri, die seit hundert Jahren tot ist, in einer modernen Gedankenwelt an. Entzieht das Heidi der Fremdbestimmung, entwirft einen neugierigen und eigenwilligen Heidi-Menschen, ein «Original» im Sinne von einzig, ein Individuum, das sein Recht auf ein Leben in Freiheit fordert. Den vier Darstellern Patricia Christmann, Juliane Strittmatter, Lutz Grossmann und Jonas Knecht gelingt eine Gratwanderung zwischen beissender Ironie und liebevollem Sprachkolorit. Hart auf der Kante des rührig Volkstümlichen lassen sie menschliche Wirklichkeit einbrechen: die Grossmutter, mittlerweile dement, wartet längst nicht mehr auf weiche Brötchen; Peter indes hechelt voller Appetit dem Heidi nach, anstatt seiner «Scheissgeiss». Locker angeseilt ergänzt sich die Truppe in den zum Teil nur als Stimme anwesenden Figuren, in der Führung der Puppen, den kommentierten Szenen. Kein Misstritt, kein Überspannen des Seils.
Die an der Abteilung für Puppenspiel-kunst an der Hochschule «Ernst Busch» in Berlin Studierenden zeigen unter derRegie von Markus Joss und der musikalischen Begleitung von Peter Nussbaumer, dass das Figurentheater das Menschentheater bezüglich Professionalität und Ausdruckskraft längst eingeholt hat. Tosender Applaus für die unbedingt sehenswerte Heidi-Produktion.
Neuropolis, das Theatertreffen der Berliner Studenten, befindet sich an einem Scheideweg. Es versteht sich grundsätzlich als Forum, das seit vier Jahren je eine Produktion der verschiedenen Hochschulen der Stadt vorstellt. Erstmals gab es in diesem Jahr auch einen Wettbewerb unter den sieben Inszenierungen auf der Studiobühne der Theaterwissenschaftler an der Humboldt-Universität. Eine Jury von Theaterkritikern und -dramaturgen kürte eine Siegerinszenierung, die sich am kommenden Wochenende noch einmal im MaximGorki-Studio präsentieren darf. Der Chef des Gorki-Theaters, Volker Hesse, begrüßte die Studierenden zum Auftakt des Festivals herzlich als gleichberechtigte Kollegen.
[...] Doch der deutlicher als früher formulierte Anspruch auf Professionalität setzt die Gruppen einem ganz anderen Erwartungsdruck aus. Theaterkenner wissen, dass in der Studentenszene große Talente wie Stefan Bachmann (heute Schauspielchef in Basel) ihre ersten Schritte unternahmen. Was diese Vorbilder auszeichnete, war jedoch nicht in erster Linie eine handwerkliche Professionalität, die sich später immer erlernen lässt. Sie wiesen eine Originalität in der Herangehensweise auf, die berühmte eigene Handschrift - wie etwa die bei Neuropolis prompt siegreiche Produktion «Heidi, das Original». In der Produktion des FigurenTheaters St.Gallen mit jungen Puppenspielern der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst stellen ein paar schwarze Kästen wechselweise die Alpen, die Hütte des Alm-Öhis und Klaras Frankfurter Herrenhaus dar. «Das Heidi», eine Puppe mit großen, ratlosen Kinderaugen, schnupft sich an den Bergblumen high und wird selbstreflexiv, als sie Kleists Marionetten Aufsatz liest. Der Geißenpeter in Lederhosen bewegt sich schon mit der arthritischen Steifheit des Großvaters, und die Großmutter, eine besitzergreifende Quasselstrippe, lässt sich von den schwarz gekleideten Puppenspielern kaum in ihre Kiste zurückbannen. Mit schönen szenischen Details erzählt die Inszenierung auf diese Weise nicht nur Heidis Geschichte, sondern leistet witzige Kritik an Johanna Spyris Kinderklassiker. [...]
Zack! Ab zum Almöhi, den Berg hinauf, denn das Waisenkind Heidi passt nicht in die Arbeitszwänge seiner Base Dete. Einen guten Job hat die in Aussicht, und das Kind muss also weg. Zum finsteren Alten soll es, oben am Hang. Unerwartet begeistert der sich für Heidi. Und so wächst es auf, zwischen Kräuterduft und Schneehöppli, zwischen Geissenpeter und dessen blinder Grossmutter in schönster Alpenidylle. Doch zack! ist die Base Dete wieder zur Stelle, denn im Hause Sesemann im fernen Frankfurt sucht man eine Gespielin für die kranke Klara. Zack! sitzt das Heidi schon dem gestrengen Fräulein Rottenmeier gegenüber, lesen und rechnen soll es lernen – und die Berge sind weit fort. Zack! fällt Klara um, denn Heidi, ganz patent, will der Freundin aus dem Rollstuhl und dem Sesemannschen Elfenbeinturm helfen. Doch das mit dem Laufen klappt nicht so recht, und das Heimweh wird immer schlimmer. Zack! naht auch schon die Grossmama, bringt Ordnung ins Haus und dem Heidi lesen und beten bei und ist auch gleich wieder verschwunden. Zack! gehts mit dem Kopf gegen die Wand und mit der Gesundheit bergab - und einem Heidi hilft da nur eines: Es muss nach Hause, und zwar sofort! Zack! sitzt es daheim auf der Alm, meckert ihm Schneehöppli fröhlich entgegen. Es ist gut, dass es wieder da ist – DAS HEIDI – aber ganz wie früher ist es nicht mehr!
Johanna Spyri (1827-1901) schrieb mehrere Jugendbücher in denen, dem literarischen Zeitgeist gehorchend, eine Vielzahl von Waisenkindern die Hauptfiguren sind. Besonders psychisches Leiden, unter dessen Druck die Kinder schliesslich körperliche Krankheitssymptome zeigen, zieht sich als Leitmotiv durch ihr Werk. "Von wegen heile Welt!" - Das ist der Vorwurf, dem sie sich schon zu Lebzeiten ausgesetzt sah. Was allerdings auffallend fehlt, sind Versuche, soziale Wirkungszusammenhänge darzustellen. Als im Jahr 1880/81 der Heidi-Roman erscheint, hielt der Exodus Tausender verarmter Bauern und Fabrikarbeiter nach Übersee immer noch an. Sie flohen aus eben jenen Berggegenden, in deren majestätischer Erhabenheit Johanna Spyri nichts als die "Anwesenheit" Gottes pries. - Genau das aber sind Widersprüche, die sie für uns für die Bühne interessant machen.
Lange bevor man das Heidi von Johanna Spyri kennt, grinst es einen schon an: DAS HEIDI. Müssig aufzuzählen, von welchen Produkten und Plakatwänden es grinst. Es scheint: "Das Heidi steht für heile Welt." Und weil, derart proper, das Heidi also provoziert, heisst’s jetzt an anderer Stelle: "Heidi ficken." – Und die Protagonistinnen haben nur das Alter mit Heidi gemein. Oder aber, in der Zeit zurück: Das Heidi steht auf dem Alpenkamm. Und die Alpen, das ist der Wall, und der Blick Heidis geht gegen Norden in die großen Städte und in die deutschen im Besonderen. Da kommt das Übel her! Aber standhaft steht es da, das Heidi, und wenn es eine Fahne trägt, dann eine mit einem weissen Kreuz, und irgendwie ist es auch Hüterin, nicht nur die der glücklichen Ziegen, auch die der reinen Luft, und auch noch für das herrliche Alpenglühn ist es verantwortlich – unsere Jeanne d’Arc! Und dass Heidi ein Rousseauscher Freiluftmensch ist (im Zwergenformat), darf hier auch nicht fehlen. Nachzulesen in jedem Literaturlexikon. Und jetzt also nochmals Heidi und gleich das Original? – Nein! Erschöpfend bekommen wir den Mythos nicht zu fassen. Höchstens kratzen kann man an einem Mythos, ein bisschen daran rumklopfen und kitzeln. Und deshalb gibt‘s in unserer Inszenierung auch viel zu lachen. Das Original auf die Bühne zu bringen, ist unser Augenzwinkern gegenüber dem Mythos.
Auf der Suche nach einem geeigneten Stück stiessen wir auf jenen Roman von Johanna Spyri, welcher der Schweiz auf literarischer Ebene im Ausland wohl zu den stärksten Klischees verholfen hat. Es war jenes Klischee, das uns zuerst reizte, doch dann faszinierte uns die Geschichte dahinter. Die Geschichte eines verwaisten Kindes, das überall herumgereicht wird, über das jeder nach eigenem Gutdünken verfügt. Es reiht sich ein neben Peter und Klara, beides Halbwaisen. Peter, der fast schon autistische Züge trägt, Klara, die psychisch krank ist und zu funktionieren hat; und immer ist es der Erwachsene, der nicht recht ver-stehen will, woran es dem Kind eigentlich mangelt, das einfach nicht lesen lernt, das nicht laufen möchte. Zwei Erziehungs- und Lebenswelten stehen sich gegenüber, die fast antiautoritäre, naturbetonte in den Bergen, das strenge Reglement in Frankfurt. Heidi, das Rousseausche Naturkind, schafft am Schluss den Spagat zwischen den beiden Welten. Dabei ist sie nie die Heldin, mit ihr wird gemacht, nie macht sie selbst etwas, um sich aus den äusseren Zwängen zu befreien. Das stellt zugleich auch die Tragik dieser Romanfigur dar. Wir haben uns der Psyche eines Kindes zu nähern versucht, das seinen eigenen Weg gehen muss.