VON und MIT Simon Bauer Tina Kemnitz Jonas Knecht Marc Lippuner Ulrike Schneider Michael F. Stoerzer Martin Wehrmann
WIR DANKEN unseren KritikerInnen und LektorInnen Jens Dehning, Ingo Drzecnik, Tine Elbel, Wolfgang Hörner, Manuel Karasek, Esther Kormann, Marius Meller und Thomas Wippenbeck für die Literaturempfehlungen
sowie der Buchhandlung ANAKOLUTH für den Büchertisch.
Die Reihe wird gefördert aus Mitteln des Regierenden Bürgermeisters von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten.
In der Literaturveranstaltungsreihe „Hätte klappen können“ kommen literarische Neuerscheinungen zu Wort, die noch keine Bestseller sind – aber es werden sollten.
Aus einem von LiteraturkritikerInnen und LektorInnen empfohlenen Stapel an Büchern werden Auszüge, Klappentexte und Rezensionen der letzten Monate miteinander verwoben und in einem szenischen Reader's Digest zwischen Hörspiel und Lesung mit Live-Musik präsentiert.
Folge 1: RUHM
Folge 2: WIRTSCHAFTSWUNDER
Folge 3: LIEBE
Zu einem Thema unserer Wahl – in Folge eins Ruhm, in Folge zwei Wirtschaftswunder und in Folge drei Liebe – lassen wir uns von LiteraturkritikerInnen und LektorInnen Bücher empfehlen. Es können Romane, Erzählbände, Biographien, Sach- und Fachbücher, selbst Bilderbücher sein; die einzigen Kriterien für die Auswahl sind: Die Bücher müssen schon erschienen sein, jedoch vor nicht länger als fünf Jahren. Die Bücher dürfen keine Bestseller sein. Und es auch nie gewesen sein. Aber sie sollten es werden.
Folglich muss die Auswahl zwei Dinge erfüllen:
a) Inhaltlich hätte es klappen können mit dem Ruhm, dem Wirtschaftswunder oder der Liebe (siehe Folgen).
b) Buchmarkttechnisch hätte es klappen müssen mit einem Platz auf der Bestsellerliste.
Diese uns empfohlenen Bücher – und zwar ausschließlich diese – stellen das Material für den Abend dar. Aus diesem Textkonvolut treffen wir eine Auswahl, wir ordnen, kompilieren, montieren, suchen nach Zusammenhängen und präsentieren dann ein Reader’s Digest, unsere von Experten empfohlene Nachlese zum entsprechenden Thema.
KNAPP DANEBEN "Hätte klappen können": In den Sophiensælen werden Bücher vorgestellt, die das Zeug zum Bestseller hatten, aber keiner geworden sind.
Eine einfache Idee: Man stellt etwa fünf bis zehn Titel aus dem Bereich Belletristik und Sachbuch vor, die in den vergangenen fünf Jahren das Zeug dazu gehabt hätten, unter den Top Ten zu landen, es aber mysteriöserweise nicht an die Spitze schafften. Man gibt dem Programm einen griffigen Titel: "Hätte klappen können". Fünf bis sechs Schauspieler lesen schließlich sorgsam ausgewählte Passagen vor, dazu wabern Klänge, Geräusche, Musikfetzen aus dem Off. Einer der Darsteller erläutert, worum es in den Werken geht und wer sie verfasst hat. Über ein rotes Leuchtlaufband verfolgt der Zuschauer noch die restlichen Informationen zum Buch (welcher Verlag, wann erschienen). In den Sophiensælen hatte am Mittwoch das zweite von drei Abendprogrammen Premiere.
Hätte auch schiefgehen können. Das wäre ein alternativer Titel gewesen für ein Konzept, das Elemente aus dem Kammertheater mit Motiven aus Literaturfernsehsendungen vermischt. Denn literarische oder essayistische Texte zielen darauf ab, im Kopf des Lesers und der Hörerin zu entstehen - den Bedingungen der Bühne gehorchen sie nicht unbedingt von allein. Doch die Gruppe, die sich "theater konstellationen" nennt, löste dieses knifflige Problem virtuos. Geschickt zwängte sie die Masse an Text in das Gerüst eines Themas, das "Wirtschaftswunder" lautete; und sie nutzte spielerisch das sich daraus ergebende Ableitungspotenzial.
Da gab es den Bericht einer Hamburger Taxifahrerin auf ihrer grotesken Jagd nach Kleinstgewinn (Karen Duves Roman "Taxi"), Originalzitate Alfred Herrhausens zur Möglichkeit der Finanzierung eines wiedervereinigten Deutschlands (aus der Biografie von Andreas Platthaus), scharlatanistisches Geschwätz von Londonern Brokern ("Cityboy" von Geraint Anderson): All diese Stimmen gerannen zu einem Konzentrat aus Gegenüberstellungen unterschiedlicher Perspektiven auf das ökonomische System. Heil und Weh des Geldes. Hoffnung, Hybris, Bilanz und Kollaps als Vergleich. Aber die Formatierung durch das Thema war nicht der einzige gelungene Trick des Abends.
Dass die Darsteller die ganze Zeit über an einem langen Tisch saßen und in ihre Mikros sprachen, erwies sich eben nicht als Ausdruck der Einfallslosigkeit, sondern als maximale Ausnutzung reduzierter Mittel. So musste man auf der Bühne einfach das übergeordnete Bild einer Konferenz sehen, an dem nichts anderes verhandelt wurde als die Illusion von der Lenkbarkeit des Geldes. Und dass nicht nur brav Text zitiert wurde, sondern die einzelnen Fragmente beinahe in ein Figurenmuster auf- oder in gut dosierte Improvisationen übergingen, offenbarte, dass es sich hier um eine Methode aus dem Geist der Collage handelte.
So entkommt die Gruppe um Simon Bauer, Tina Kemnitz, Jonas Knecht, Marc Lippuner, Ulrike Schneider und Martin Wehrmann der Falle einer gut gemeinten, jedoch im Kern fragwürdigen Vermittlung von Literatur eben durch ihre theaterorientierte Handhabung des Stoffes. Was man da sah, war ein eigenes Stück - und kein Bestsellerratgeber. Das war auch das Schöne daran, dass ein schwer zu fassendes Element in den unterschiedlichen literarischen Konzeptionen durch die Inszenierung deutlich sichtbar wurde. Nämlich die Nähe von Geld und Sprache. Anders ausgedrückt: die Überschneidung der Affektgeladenheit bei Kommerz und Kunst, das ironische Lächeln der klingenden Münze. Dass dabei die Schauspieler nicht Comedy machten, sondern in ihre zwitterhaften Rollen aus Vorlesern und angedachter Figur schlüpften - und sich offensichtlich wohl fühlten -, war deutliches Indiz, dass das Konzept aufgegangen war. Zu sehen ist das "Wirtschaftswunder"- Programm nochmals im September.
"Wäre der Ruhm mein, ich könnt ihm nicht entkommen – wenn aber nicht, der längste Tag hetzt mir voraus beim Jagen." (Emily Dickinson)
Literarisch oszillierend zwischen Emily Dickinson, Männern im Schatten einer Diva und gescheiterten Kunstmalern hätte es in Folge 1 der szenischen Lesereihe klappen können mit dem RUHM, um somit den ausgewählten Büchern ein bißchen von dem zu geben, was ihren literarischen Figuren verwehrt blieb, aber doch allen zu wünschen ist.
Peter Carey: Liebe – Eine Diebesgeschichte. S.Fischer 2008
Justin Cartwright: Das Glücksversprchen. Rowohlt 2006
Emily Dickinson: Wilde Nächte – Ein Leben in Briefen. S.Fischer 2006
Sibylle Lewitscharoff: Consummatus. DVA 2007
Birk Meinhardt: Im Schatten der Diva. Eichborn 2007
Ronald Miehling: Schneekönig – Mein Leben als Drogenboss. Rowohlt 2003
Alice Munro: Tricks. S.Fischer 2006
Willem Jan Otten: Specht und Sohn. S.Fischer 2006
Marlene Streeruwitz: Kreuzungen. S.Fischer 2008
Poesie Exklusiv von Arne Rautenberg.
„Was verdienst du denn so?“ (Karen Duve: Taxi.)
„Wirtschaft ist eine Veranstaltung von Menschen, nicht von Computern.“ (Alfred Herrhausen in Andreas Platthaus: Alfred Herrhausen.)
„Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wird härter und unsolidarischer. Die Republik teilt sich wieder in „die da oben“ und „die da unten“, in Gewinner und Verlierer. Die alten Klassengegensätze kehren zurück.“ (Nadja Klinger und Jens König: Einfach abgehängt.)
Literarisch oszillierend zwischen alten Wundern und neuen Krisen hätte es in der zweiten Folge der literarischen Lesereihe klappen können mit dem Traum vom wirtschaftlichen Aufschwung, dem immer währenden Geldregen, dem Aufbau Ost und der glücklichen Wiedervereinigung: Hier trifft die pfiffige Ostfrau auf den arroganten Westmann, der DAX auf den historischen Tiefpunkt und Alfred Herrhausen auf die RAF.
Landolf Scherzer: Der Grenz-Gänger. AufbauVerlag 2005.
David Ensikat: Kleines Land, große Mauer. Piper 2007.
Andreas Platthaus: Alfred Herrhausen. Rowohlt 2006.
Geraint Anderson: Cityboy. Börsenbuchverlag 2009.
Karen Duve: Taxi. Eichborn 2008.
Hans Leyendecker: Die große Gier. Rowohlt 2007.
Nadja Klinger und Jens König: Einfach abgehängt. Rowohlt 2006.
Claudia Rusch: Aufbau Ost. S.Fischer 2009.
Rainer Kloubert: Der Quereinsteiger. Elfenbein Verlag 2004.
„Onanie ist eines der Vergehen, die unnatürliche Neigungen in einem jungen Mann hervorrufen können. Wer sich dessen schuldig macht, schwächt sich nicht nur geistig und körperlich, sonder wird später auch weniger gut imstande sein, normale Beziehungen mit dem anderen Geschlecht einzugehen und seine ehelichen Pflichten zu erfüllen, da bestimmte Zentren im Gehirn durch sein frühes Fehlverhalten geschädigt wurden.“
(Floortje Zwigtman: Adrian Mayfield - Versuch einer Liebe.)
Knisterndes Kaminfeuer, lodernde Leidenschaften, erloschene Hoffnungen: Literarisch oszillierend zwischen rotwangigen Schwärmereien und aschgrauem Alltag hätte es in der dritten Folge der Literaturreihe - unserer Vorweihnachtsausgabe - klappen können mit der Liebe. Ein Abend über die Zustände & Abgründe zwischen Mann und Frau und Mann und Mann und Mutter und Kind, über die Liebe zum Ungarischen im Allgemeinen und zu blasshäutigen Ungarinnen im Besonderen, zur religiösen Kunst, zum italienischen Film und zum sehnsuchtsvoll geschriebenen Wort.
Henning Ahrens: Tiertage. Fischer Taschenbuch Verlag 2009
Chico Buarque: Budapest. S. Fischer 2006
Alem Grabovac: Der 53. Brief. Perlenverlag 2009
Noemi Kiss: Was geschah, während wir schliefen. Matthes & Seitz 2009
Angelika Klüssendorf: Amateure. Erzählungen. S. Fischer 2009
Andre Kubiczek: Kopf unter Wasser. Piper 2008
Niklas Luhmann: Liebe. Eine Übung. Suhrkamp 2008
Francine du Plessix Gray: Majakowskis letzte Liebe. Berenberg 2008
Arnold Stadler: Salvatore. S. Fischer 2008
Jean-Philippe Toussaint: Fliehen. btb 2009
Floortje Zwigtman: Adrian Mayfield - Versuch einer Liebe. Gerstenberg 2009