IDEE & UMSETZUNG Ulrike Barchet Floriane Devigne Leyla Rabih Markus Joss Jonas Knecht Michael Köpke
MUSIK Daniel Erismann Lutz Großmann (als Gast für das Gastspiel in Saarbrücken)
PRODUKTIONSLEITUNG Holger Fischer (für das Gastspiel in den Sophiensaelen in Berlin) Jonas Knecht
PREMIERE war am 6. Juli 2004 auf dem Festival du Belluard-Bollwerk International Fribourg/CH.
ALPINARIUM_3 war zu Gast am Festival Frictions in Dijon, im FRAC in Metz, am Festival Blickwechsel in Magdeburg, im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich, in der Grabenhalle St.Gallen, in den Sophiensaelen in Berlin im Rahmen des Festivals "France en scène" und zuletzt am Festival Perspectives in Saarbrücken.
ALPINARIUM_3 ist eine Produktion des Festival du Belluard-Bollwerk International Fribourg, in Zusammenarbeit mit der compagnie 29/09 und dem theater konstellationen.
ALPINARIUM_3 wurde unterstützt durch den Kanton Fribourg, Pro Helvetia – Schweizer Kulturstiftung und Les Subsistances, Lyon
Für das Festival du Belluard Bollwerk International 2004 Fribourg, hat die cie29/09 und das theater konstellationen eine Toninstallation der ganz besonderen Art kreiert. Die Besucher werden eingeladen, eine ganze Nacht in einer Bettenlandschaft zu verbringen, zu horchen, zu schlafen, zu träumen und sich vom Alpinariumspersonal umsorgen zu lassen.
Zwischen Schlaf und Wachen taucht der Besucher ein in eine Reise durch Lebensgeschichten und Klänge aus den Alpen. Wir stellen die Frage nach der Konstruktion der eigenen Biografie aus dem Erinnerungsmaterial einer Landschaft und ihren Bewohnern.
Es ist das Verfertigen der Bilder beim Zuhören, das den Kern dieser Installation ausmacht. Das »Theater« findet hier im Kopf des Besuchers statt und wird zu einer intimen Auseinandersetzung mit dem Gehörten.
Jeder Besucher bekommt im ALPINARIUM ein eigenes Bett für eine Nacht. Der Besuch im ALPINARIUM schliesst ab mit einem gemeinsamen Frühstück.
In der Horizontale Geschichten hören. Liegend sich einlullen lassen von Alpenklängen. Davon träumen, man habe in der Grabenhalle in einem Bett geschlafen. Aufwachen und feststellen, dass es so war.
Es gibt jetzt also in St. Gallen auch ein «Hotel Grabenhalle» in gepflegter Ambiance. Man kann sich dort ohne grosse Formalitäten einchecken und sich eines der dreissig Betten, untereinander mittels weich fallenden Tüllvorhängen abgegrenzt, aussuchen. Weisse Leintücher, grosse, weiche Kopfkissen, braune Wolldecken mit rotem Schweizerkreuz. Daneben Nachttischchen und Lämpchen. Man wird höflich empfangen und dazu eingeladen, sich umzusehen, sich eines der liebevoll zurecht gemachten Betten auszusuchen, sich einzurichten. Das Personal mit der Aufschrift «Alpinarium» am Revers bringt warmen Tee ans Bett und dann . . . ja, und dann wird einem eine gute Nacht gewünscht.
Menschen kleiden sich um, legen sich hin und lauschen. Geräusche wie von einem Gegenstand, der über Metallstäbe schleift. Geflüster. Ein Lachen. Satzfragmente unterlegt von Milchspritzern aus den Zitzen einer Geiss. Stalldampf im Kopf. Tierlaute. Und erzählte Geschichten. «I ha vüu dedür gmacht», sagt eine Frau in urchigem Freiburgerdialekt. Früher habe man über ihre Art von Lachen gemeckert, es klinge wie ein Traktor, fügt sie an und lacht darauf wie ein Traktor. Mit fünfzehn fortgekommen von zuhause, nicht freiwillig, die zwei schönen Haarzöpfe weg und fortan dem Grandpont-Wirt und dessen Launen gedient, jeden Tag zweimal Rösti.
«Die Alpen», sinniert eine andere Frau, «wo genau beginnen sie, wo hören sie auf». Mit ihnen gehe die Sehnsucht nach unbesiedeltem Raum einher. Berge, «oh la la, ils sont pur beauté», antwortet eine Welsche, auch wenn sich zwischen ihren Tälern Dramen wie dieses des von Karl Jaspers beschriebene Unglück der Appolonia abspielten. Das junge Mädchen war als Haushalthilfe ins Tal geschickt worden und hatte eines Nachts vor lauter Verzweiflung und Heimweh das Kind seiner Arbeitgeber in den Fluss geworfen. Kreuzberge, Rosskopf, Kanisfluh, Vermigel, Hasenflüeli . . . die Namen der Berge werden aneinander gereiht wie Himmelskörper oder wie Schafe, und die Monotonie der Aufzählung verfehlt ihre Wirkung nicht. Schwere Lider. Ein Traum? Die eben noch in der «Syrano Bar» gehörten Texte vom Duo Göldin/Stanley vermischen sich im Halbschlaf mit den Stimmen, die sich durch die im Kissen eingegrabenen Kopfhörer sanft ins Ohr betten. Die Scheinwerfer an der Decke verwandeln sich im Dämmerschlaf zu vorbeiziehenden Kometen, Sternschnuppen fallen auf Schlafmännchen. Weit weg der Verkehr vom Unteren Graben. Verkehrte Welt. Dann plötzlich ein Donner, noch einer und immer lauter. Was ist? Von weit weg ein Alphornbläser, der Minuten später leibhaftig am Fussende des Bettes erscheint und einem einen Morgengruss zwischen die Zehen zwitschert. Es ist sechs Uhr. Gegenüber räkelt sich einer. Weiter vorne die Silhouette einer sich erhebenden Frau.
Gut geschlafen allerseits. Es riecht nach Kaffee. Bestecke klimpern. Ein Tisch ist gedeckt, frisches Brot vom Gschwend. Hotelpersonal und Gäste essen gemeinsam Frühstück, plaudern, tauschen Eindrücke aus.
Die Verzauberung bricht nicht ab. Eine Besucherin, früher Bäuerin von Beruf, erzählt, das Konservengewitter habe sie erschreckt. Der erste Gedanke sei gewesen, aufzustehen und die Fensterläden zu verschliessen. Ein anwesender bildender Künstler erinnert sich an vielerlei Veranstaltungen an diesem Ort, die so ganz anders waren als diese Nacht. Die Performance als schweizerisch/deutsch/französische Koproduktion der Companie 29/09 und Theater Konstellationen hat seine Absicht nicht verfehlt: Die Gäste sind Teil der Nachtgeschichten geworden, sie schliefen in sie hinein, wachten in ihnen auf und werden künftige Fassungen der hier gezeigten dritten Version mitprägen. Die Spuren zum von mehreren namhaften Kulturinstitutionen unterstützten «Alpinarium» waren in einem Ladenlokal in Fribourg mit der Aufnahme von ersten Interviews und Tonaufnahmen gelegt worden. An einem Theaterfestival in Lyon zeigte die Truppe (Ulrike Barchet, Floriane Devigne, Leyla Rabih, Markus Joss, Jonas Knecht, Michael Koepke, Daniel Erismann (Alphorn) ) das weiterentwickelte «Alpinarium 2». Erstmals kam im Sommer 2004 am Festival du Belluard in Fribourg, später in sprachlich angepassten Versionen in Djion und Mets, in Magdeburg und kürzlich mit grossem Erfolg in der Gessnerallee in Zürich die nun auch in St. Gallen gezeigte dritte Fassung zur Aufführung. Und noch etwas. Im Hotel Grabenhalle liegt ein Täfelchen «Giandor» auf dem Kissen und das daraus Mundgeschmolzene fliesst direkt ins Herz. Unbedingt hingehen!
"Alpinarium" hält Betten und Geschichten bereit.
Manche kommen mit dem Rollköfferchen an, mit Necessaire und Pyjama, andere legen sich direkt mit den Strassenkleidern in die frisch bezogenen Betten. Ähnlich wie in einem Hotel gibt es im „Alpinarium“ in der Gessnerallee für jede Besucherin und jeden Besucher ein Bett und die Möglichkeit, sich ungestört frisch zu machen. In einem Teil des Raumes lädt eine Leseecke zum Schmökern, auf Wunsch werden Getränke serviert. Die Audioinstallation von cie 29/09 und theater konstellationen bietet dem Publikum die Möglichkeit, sich eine Nacht lang tief im Alpenraum zu versenken. Und nach Belieben das Kissen zum schroffen Gebirge anwachsen zu lassen, zur lieblichen Anhöhe oder dem beklemmenden Tal. Über dezente Lautsprecher, die im Raum verborgen sind, werden akustische Spuren gelegt. Sie sollen bei den Zuhörenden Bilder hervorrufen und Geschichten anregen.
Jonas Knecht, ein Mitglied des siebenköpfigen Künstlerkollektivs mit Gravitationszentrum in Berlin, betont die bewusst gewählte Schlichtheit der Arbeit. Das Publikum soll nicht mit Text, Musik und Bild zugedröhnt werden, sondern viel Raum für eigene Gedanken und Fantasien bekommen. Aus diesem Grund wurde auf ein Spiel im herkömmlichen Sinne bewusst verzichtet und ganz auf die Akustik fokussiert. Das Tonmaterial stammt von zahlreichen Exkursionen in die Alpenwelt. Es mischen sich Geschichten, Naturgeräusche, Musik und Interviewpassagen. Im Zentrum stehen Frauenbiographien. So kommen eingesessene Bäuerinnen zu Wort oder Frauen, welche die Bergwelt verlassen haben. Alte und ganz junge, solche mit Widerständen und welche mit Heimweh. Sie sind es, die das Publikum ins produktive Reich der Träume führen. Bis der Morgen graut und beim gemeinsamen Frühstück die Erlebnisse der Nacht ausgetauscht werden können.
Im ALPINARIUM arbeiten Künstler unterschiedlicher Herkunft und Ausrichtung. Der Künstler ist der Gärtner. ALPINARIUM ist ein Garten, in dem über einen längeren Zeitraum angebaut und ausprobiert werden kann. Die Gärtner tun das in wechselnder Besetzung. – Die Gärtner werden immer mehr.
Am Anfang standen Gespräche und Interviews mit Frauen aus dem Alpenraum. Die Gespräche erzählen von schwierigen Bedingungen, von der Notwendigkeit zu gehen oder dem Verlangen zu bleiben und vom Wandel einer Landschaft und ihrer Bewohner. Im Erzählen selber aber entsteht ein Utopischer Raum jenseits der Realität, der sich seine eigenen Gesetze und Begründungen schafft.
Wir sammelten Töne und Klänge. In ALPINARIUM_3 bearbeiten wir das Tonmaterial zu einer Installation für 25 Schläfer. Die aktuelle Etappe ALPINARIUM_3 entstand als Produktion des Festival du BELLUARD-BOLLWERK INTERNATIONAL Fribourg in Zusammenarbeit mit der Compagnie 29/09 und dem theater konstellationen.
Juli 2003 am BBI/Fribourg; während des Festivals betrieb die cie29/09 ein Ladenlokal, wo sie in regelmässigen Publikumstreffen Ausschnitte und Bearbeitungen der bislang geführten Interviews präsentierte. Das Lokal diente als Anlaufstelle, wo die Besucher zum Thema lesen, hören, stöbern oder selbst an fiktiven Biografien basteln konnten. Es gab erste Versuche mit einer Bett/Hörinstallation.
Die zweite Etappe war eine dreiwöchige Residenz in les Subsistances/Lyon, während der wir Erfahrungen mit einer grösseren Ton/Bettinstallation machen konnten. Dauer der Veranstaltung war ca. eine Stunde. Die Arbeitsskizze aus unserer Residenz in les Subsistances findet nun für das Festival du Belluard_04 Fribourg ihre Fortsetzung.
Ziel ist es, über ALPINARIUM_3 hinaus, weitere Etappen des ALPINARIUM im gesamten Alpen- und alpennahen Raum zu realisieren.